Interkulturelle Bildung Erfurt gGmbH

Geschichten aus der Rückkehrbegleitung

Der vorbereitende Kinderkurs/LIBYEN

Für mitausreisende Kinder ist eine Rückkehr der Eltern ins Heimatland ein schwieriger, mitunter sehr beängstigender Prozess. Auf der einen Seite stehen der Verlust von Freunden und liebgewonnenen LehrerInnen oder ErzieherInnen – auf der anderen Seite ist da ein Land, dessen Kultur und Menschen für in Deutschland geborene Kinder am Anfang ziemlich fremd erscheinen.
Das MIRA-Projekt hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, auch Kinder und Jugendliche auf eine bevorstehende Ausreise vorzubereiten. Im Fokus stehen dabei das Bekanntmachen mit der Kultur und Lebensweise, das Erlernen von Schrift und Sprache als Grundvoraussetzung für eine gelingende Integration sowie das Identifizieren und Abbauen von mit der Rückkehr verbundenen Ängsten.
MIRA hat insgesamt drei Kinderkurse durchgeführt, in denen qualifizierte Lehrkräfte und psychologisch geschulte Fachkräfte die mitausreisenden Kinder vorbereitet haben.

Im April 2021 hatte sich Familie Mohamad dazu entschieden, nach Libyen zurückzukehren und sich bei MIRA vorgestellt. Neben Papa Murad und Mutter Salimah werden auch die drei Kinder Hadi (9 Jahre), Jouri (6 Jahre) und Sayidarah (4 Jahre) Deutschland bald verlassen. Obwohl die Familie fernab der Landeshaupt tief im Thüringer Wald wohnte und die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie Kurse in Präsenz unmöglich machten, konnten die Thüringer Rückkehr-BegleiterInnen von MIRA eine umfassende Vorbereitung für die beiden ältesten Kinder organisieren.

Hadi und Jouri bekamen speziell für Kinder eingerichtete Tablets mit einer integrierten Tastatur an ihren Wohnort gesandt. Eine intensive Einführung via Video-Chat machte die Kinder und ihre Eltern anschließend mit der Benutzung der Geräte vertraut. Dabei lernten sie auch Mustafa und Maha kennen. Mustafa ist Arabischlehrer und absolvierte mit den Kindern eine komplette Alphabetisierung in arabischer Sprache – im Online-Unterricht, der jeden zweiten Tag für eine Stunde am Nachmittag, zusammen mit anderen Rückkehr-Kindern aus Thüringen, stattfand. Denn obwohl zuhause Arabisch gesprochen wurde, konnten Hadi und Jouri kein Wort lesen oder schreiben. In vielen kleinen Aufgaben oder Spielen machte Lehrer Mustafa die Kinder nebenbei auch mit der Kultur des elterlichen Heimatlandes vertraut. Und er fand auf tausend und eine Frage immer eine Antwort – wie begrüßt man sich, warum trinken die Menschen jeden Tag Tee, was für Musik hören die Menschen in Libyen?

Maha ist ebenfalls Lehrerin. Ihre Priorität lag auf der Angleichung an den Lehrplan im Elternheimatland im Bezug auf Mathematik und die Naturwissenschaften. Daneben gab sie den Kindern viel Raum, sich zu öffnen und über Ängste bezüglich der bevorstehenden Rückkehr der Eltern zu sprechen. Sie gab auch Strategien weiter, die den Kindern helfen sollen, diese Ängste zu überwinden. So wurden zum Beispiel Chatgruppen eingerichtet, damit man mit deutschen Freundinnen und Freunden im Kontakt bleiben kann. Und es wurde bereits vor der Ausreise der Kontakt zu einer Organisation hergestellt, die die Kinder nach der Rückkehr in Libyen mit hilfreichen Angeboten weiter unterstützt.

Insgesamt 3 Monate wurden die Kinder der Familie Mohamad intensiv vorbereitet. Was denken die Beteiligten nun darüber?
„Wir sind sehr froh, dass jemand diese Aufgabe übernommen hat“, bedankt sich Vater Murad. „Ich bin auf Arbeit und meine Frau ist mit der Jüngsten sehr beschäftigt – MIRA war eine große Hilfe. Ohne das Projekt hätten unsere Kinder in der Schule nichts verstehen können.“
Lehrer Mustafa ist hingegen stolz auf „seine“ Schützlinge: „Es hat viel Spaß gemacht, den Kindern etwas zu lehren, mit ihnen zu arbeiten und ihre Fortschritte zu sehen. Auch wenn die Situation eine komische war – es ist ja nur eine Schule auf Zeit. Es ist eine sehr nützliche und dankbare Aufgabe.“
Und Hadi und Jouri? Sie haben wie alle Kinder ein Teilnahme-Zertifikat bekommen. Ihre Angst vor der Rückkehr ist hingegen fast verschwunden. Viel größer ist nun die Vorfreude auf die Großeltern und den Rest der weit verzweigten Familie in Libyen, mit der man sich nun auch verständigen und schreiben kann. Auf die Fragen, was man noch besser machen kann, haben Hadi und Jouri allerdings einhellig noch eine Antwort: „Bitte – macht für uns Kinder mehr Spiele auf die Tablet-Computer!“
Andreas Hartmann

Das Konzept der Rückkehrbegleitung hat sich in vielen Ländern Europas als eine humanitäre, effektive und gleichzeitig kostengünstige Lösung bewährt. Ziel der Rückkehrbegleitung ist es, die Reintegration im Rückkehrland mit nachhaltigen Konzepten zu unterstützen. Dies gelingt durch kluge Zukunftspläne und darauf abgestimmte Sach- und Bildungshilfen, die den Zurückkehrenden den Aufbau einer stabilen Existenzgrundlage ermöglichen. Die Rückkehrbegleitung von MIRA trägt zu einer vereinfachten und erfolgreichen Rückkehr bei.